Ist das Leben nicht schön?
Gruppenausstellung in vier Kapiteln
Ist das Leben nicht schön? ist der übergreifende Titel einer Gruppenausstellung, die in vier unabhängigen Kapiteln im Laufe des Jahres 2006 im Frankfurter Kunstverein präsentiert wird. Vorgestellt werden die Arbeiten der Künstler Esra Ersen (Türkei), Wilhelm Sasnal (Polen), Arturas Raila (Litauen) und Tommy Støckel (Dänemark), die in diesem Zusammenhang ihre erste umfangreiche Einzelpräsentation in Deutschland haben werden. In den Medien Video, Malerei, Fotografie und Skulptur, beschäftigen sich diese Künstler auf unterschiedliche Art mit zeitgenössischen sozialen Fragen, wie z. B. mit der allgemeinen kulturellen Homogenisierung der Gesellschaft als Konsequenz von Globalisierungsprozessen. Im Laufe des Jahres 2006 werden die vier Ausstellungen in der ersten Etage des Frankfurter Kunstvereins präsentiert, begleitet von einem umfangreich Programm an Fachdiskussionen, Künstlergesprächen, Workshops und Führungen.
Kapitel 1: Esra Ersen
5.April - 5.Juni 2006
Die Ausstellung Esra Ersen: Arbeiten von 1998 – 2005, ist eine Kooperation zwischen dem OK Zentrum für Gegenwartkunst und dem Frankfurter Kunstverein. Sie ist international die erste große Einzelausstellung der Künstlerin und die erste umfangreiche Präsentation ihrer Arbeiten in Deutschland. Die in Istanbul lebende Künstlerin Esra Ersen ist eine der interessantesten und außergewöhnlichsten türkischen Vertreterinnen ihrer Generation. Seit nunmehr zehn Jahren nimmt sie ihre Kamera überall mit hin und dokumentiert ihre unmittelbare Umgebung. Auf diese Weise setzt sie sich mit ihrem eigenen kulturellen Hintergrund auseinander und thematisiert gleichzeitig Vorurteile und Erwartungen, die damit in direktem Zusammenhang stehen.
Die Ausstellung zeigt zwölf neu entstandene Videoinstallationen Esra Ersens. Mit der Kamera schreibt die Künstlerin darin eine Art Autobiografie. Sie reist an unterschiedliche Orte, die sie interessieren oder an die sie eingeladen wurde um in dem jeweils spezifischen Kontext zu agieren. So werden in der Ausstellung u. a. Arbeiten aus der Türkei, Schweden oder Deutschland zu sehen sein. Ersen behandelt dabei die unterschiedlichen Vorstellungen von eigener und „fremder“ Identität immer in einer sehr offenen und direkten Herangehensweise. Arbeiten wie „if you could speak Swedish...“ (2001), die als Ergebnis eines Aufenthalts in Schweden entstanden sind, zeigen ein Integrationsprogramm, das zur Sprachvermittlung neu eingereister Immigranten entwickelt wurde. Der Film zeigt die doppelte Erwartungshaltung der Lehrer: zum einen sollen die Schüler die fremden Sprache erlernen, zum anderen sollen sie dabei aber auch gleichzeitig ein „klares“ Verständnis des neuen kulturellen Kontextes und Wertesystems entwickeln. Ersen dokumentiert in ihrer Arbeit den Sprachkurs und fragt die Schüler, was sie gerne sagen würden, wenn sie die Sprache später einmal beherrschen werden. Dies ist ein typisches Beispiel ihrer künstlerischen Herangehensweise. Für sie ist gesellschaftliche Vorstellungskraft nichts anderes, als die Basis unserer Auffassung von einem gemeinsamen sozialen Raum, der wiederum als Teil unserer Weltsicht fungiert. Diese Vorstellungskraft hat eine politische Dimension, die aber bei Ersen nicht auf einer theoretischen Ebene behandelt wird. Vielmehr definiert sie sich durch eine endlose Folge von Bildern, urbanen Legenden und Anekdoten, die unsere tägliche Kommunikation ausmachen und erleichtern.
Das Projekt, das hier vorgestellt wird, baut eine kulturelle Landschaft auf, die es dem Betrachter erlaubt, durch die verschiedenen Situationen, die Ersen präsentiert, selbst eine gesellschaftliche Vorstellungskraft zu entwickeln und gleichzeitig den physischen und mentalen Raum – dessen Teil er selber ist – besser zu verstehen.
Projekte wie die Esra Ersens, die Wissen und Affekte in einen direkten Zusammenhang stellen, können uns helfen, eine Verbindung zwischen Kunst, Handlungsspielräumen und realer Welt wiederherzustellen.
Kapitel 2: Wilhelm Sasnal
21. Juni – verlängert bis 10. September 2006
In Kooperation mit dem Van Abbemuseum in Eindhoven zeigt der Frankfurter Kunstverein ab Juni die erste umfangsreiche Werkschau des polnischen Künstlers Wilhelm Sasnal.
Obwohl die Werke Sasnals heute im Besitz zahlreicher internationaler Sammlungen, wie z.B. der Saatchi Collection und dem Centre Pompidou in Paris vertreten sind und durch Einzel- und Gruppenausstellungen international präsent waren, hatte man bisher selten die Gelegenheit einen umfassenden Einblick in sein Werk zu bekommen. Neben ca. 50 Gemälden – davon ca. 25 neue Arbeiten – werden im Frankfurter Kunstverein zum ersten Mal auch vier seiner im letzten Jahr entstandenen 16mm Filme gezeigt.
Wilhelm Sasnal gehört zu einer Generation polnischen Künstlern, die die jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen im kulturellen Kontext Polens reflektieren und dabei sowohl mit ihrer eigenen Geschichte, dem polnischen Kontext sowie einem ganz persönlichen Vokabular argumentieren. Das Medium Malerei spielt in den Arbeiten Sasnals eine wesentliche Rolle – er nutzt es mit all’ seinen klassischen Genre-Bezügen und zeigt gleichzeitig dessen Möglichkeiten und Grenzen als politisches Lexikon auf. Mithilfe der Malerei, dem darstellenden Medium par Excellence, interpretiert er die kulturelle und politische Transformation Polens seit den sechziger Jahren unter Verwendung u. a. popkultureller Referenzen wie Buch- und Plattencover sowie Bildern aus der Presse und Werbung. Dem Ansatz Sasnals liegt dabei die Untersuchung des kollektiven Gedächnisses seiner eigenen Generation – einer Gesellschaft, die in ihrer Vergangenheit gefangen ist und dabei trotzdem in die Zukunft blickt – zugrunde.
Malen wird bei Sasnal zu einer intellektuellen Übung und macht seine Arbeit dadurch herausragend: einerseits befriedigt er durch die darstellende und figurative Motivwahl kurzzeitig ein nostalgisches Bedürfnis des Betrachters nach Widererkennbarkeit und Repräsentation. Andererseits gibt er dem Betrachter durch die meist Bildbestimmende Isolation des Dargestellten die Verantwortung für eigene Erwartungen und Erklärungsmodelle selbst in die Hand. Die reduzierte Formenwelt und die emotionale Distanz, die Sasnals Bildern innewohnt, lassen nur anhand der Titel auf ein äußerst persönliches Vokabular schließen. Und genau dieses nicht Einlösen eines auf den ersten Blick entschlüsselbaren Bildes, ist Antrieb für Wilhelm Sasnal zu malen und dabei das Medium gleichzeitig zu unterwandern. So z.B. die beiden Arbeiten „Girl smoking (Anka)“ (2001) und „Girl Smoking (Peaches)“ (2001). Diese Malereien geben an sich keinen direkten Aufschluss über die Beziehung des Künstlers zu seinen Motiven; beide zeigen das Portrait einer jungen Frau mit Zigarette. Nur über den Titel lässt sich eine Beziehung zu Sasnals Frau, Anka, und zur Popsängerin „Peaches“ herstellen, deren Portrait von einem Plattencover übernommen wurde. Diese emotionale Ambivalenz kann hier als Reaktion auf die Überfrachtung des massenmedialen Bildvokabulars der Alltagskultur gelesen werden.
Die 2005 entstanden 16mm Filme „Marfa“ (26 Min.), „Nowa Huta“ (7 Min.), „River“ (15 Min.) und „Brazil“ (20 Min.) sind weniger als Ergänzung, denn als Fortführung seines malerischen Interesses zu verstehen. Alle vier Filme entstanden aus Footagematerial, das er während seiner letztjährigen USA- und Brasilienreise sowie in Krakau gefilmt hat. Zugrunde liegt ihnen ein verbindendes Interesse an popkulturellen Musikreferenzen sowie eine Faszination für subjektive Imaginationswelten ganz bestimmter Orte und Länder. „Marfa“ und „River“ beziehen sich explizit auf amerikanisches Clichés, während „Brazil“ fragmentarisch modernistische Architektur, soziale Kontrollmechanismen und südamerikanische Strandszenen zu einem Bild brasilianischer Moderne verknüpft. „Nowa Huta“ hingegen ist nicht in Amerika entstanden, sondern in einem gleichnamigen Stadtteil Krakaus, der vormals als prototypisches Modell sozialistischer Stadtplanung zählte. Bilder der Häuser und Straßen werden untermalt von tonlosen Untertiteln, die sich wie ein persönliches Tagebuch an die Bilder anschmiegen. In allen vier Filmen sind die darstellenden Bilder von einem malerischen – bisweilen poetischen – Kompositionswillen geprägt. Ebenso wie in den Malereien Sasnals beirrt auch hier das beschreibende Bild den Zuschauer mit dem gleichzeitigen Mangel and eindeutiger Lesbarkeit.
Wilhelm Sasnal wurde 1972 in Tarnów geboren. Er studierte an der Kunstakademie in Krakau und lebt heute in Paris und Krakau. Zuletzt waren seine Arbeiten im Van Abbemuseum Einhoven, Berkeley Art Museum, Staatsgalerie Stuttgart und der Prag Biennale zu sehen.

Wilhelm Sasnal: "Girl smoking (Anka)", 2001
Öl auf Leinwand, 45 x 50 cm, Courtesy The Saatchi Gallery, London
Kapitel 3: Arturas Raila
27. September – 26. November 2006
Arturas Raila ist ein herausragender Litauischer Fotograf und Filmemacher, der schon an zahlreichen internationalen Ausstellungen wie der Manifesta in Lubljana und der letzten Baltic Triennal beteiligt war. Trotz dieser Präsenz ist er aber einer breiten Öffentlichkeit noch nicht bekannt. Die Präsentation im Frankfurter Kunstverein wird seine erste große Einzelausstellung darstellen.
Im Rahmen eines Stipendiums des Künstlerhauses Bethanien, Berlin wird sich Arturas Raila dieses Jahr überwiegend in Deutschland aufhalten und es uns so ermöglichen, ein völlig neues Projekt speziell für den Frankfurter Kunstverein zu entwickeln. In zwei filmischen Installationen, die zu den zentralen Werken der Ausstellung gehören, beschäftigt er sich mit der “jüngsten Vergangenheit” und ihrem Einfluss auf die heutige Gegenwart.
In dieser neuen Arbeit beschäftigt sich Raila mit den Gegensätzen von ländlicher Natur und ihrem Counterpart, dem urbanen Leben. Ein Gegensatz, der tief mit dem Begriff der Moderne verwurzelt ist, aber auch heute noch als wichtiger Aspekt für unsere Auffassung von Fortschritt und Wissenschaft dient. Es ist genau dieser Gegensatz, an dem wir im Laufe der Zeit immer wieder neu bestimmen, was als altmodisch oder zeitgemäß gilt.
Abgesehen davon, dass Raila ein exzellenter Bildender Künstler ist und seine Projekte von besonderer Intensität zeugen, wird sein Projekt für den Frankfurter Kunstverein ein außergewöhnliches Experiment darstellen. Seit bereits zwei Jahren beschäftigt sich der Künstler mit einer seltenen menschlichen Begabung, die besonders in ländlichen Gebieten Litauens praktiziert wird. Einige Frauen und Männer verfügen dort über eine seltene Sensibilität, eine Art übersinnlicher Fähigkeit, die dazu dient, die Beschaffenheit von Räumlichkeiten zu bestimmen. Diese kleine Gruppe von Leuten ist heutzutage auf dem Land tatsächlich immer noch aktiv. Ihr Wissen koexistiert neben den modernen städtebaulichen Maßnahmen und Strategien der Regierung. Was von einigen Leuten als ernsthafte Fähigkeit betrachtet wird und tatsächlicher Planung dient, wird von anderen für banalen Aberglauben gehalten.
Im Rahmen seiner Ausstellung in Frankfurt möchte Arturas Raila untersuchen, ob möglicherweise ähnliche Fähigkeiten in der ländlichen Bevölkerung Hessens vorhandenen sind um diese in sein Projekt zu integrieren. In der zeitgenössischen Kunst kann das Design einer Ausstellung vielerlei Kriterien folgen. Ungewöhnlich ist jedoch selbst in diesem Bereich der Rückgriff auf solch vergleichsweise „esoterische“ Methoden.
Ziel dieses Projektes ist es, den Ausstellungsbesuch und den Kunstgenuss mit sich überschneidenden Wissensquellen zu verbinden: zeitgenössische Kunst und volkstümliche Bräuche. Mit Hilfe des Künstlers und seinen ungewöhnlichen Forschungen wollen wir im Frankfurter Kunstverein diese Gegensätze – oder besser gesagt Wiederbegegnungen – ansprechen. Dabei stellen wir uns bewusst einer Herausforderung, die uns im Umgang mit diesem uns täglich begegnenden Paradoxon schulen wird.

Arturas Raila: "Horse", 2006
aus der Serie Kraft der Erde, 2005-6, C-Print
Kapitel 4: Tommy Støckel
13. Dezember 2006 – Februar 2007
Für seine erste umfangreiche Einzelpräsentation wird der dänische Künstler Tommy Støckel im Frankfurter Kunstverein eine Reihe neuer Skulpturen entwickeln. Seine schönen und zugleich komplexen Arbeiten entwirft der Künstler digital nach mathematischen Algorithmen, die sich an Wachstums- und Fragtalberechnungen orientieren. Für die Umsetzung benutzt er dabei ganz einfache Materialien wie Papier und Pappe. Seine Herangehensweise bleibt dabei einerseits einer klassischen Tradition treu, die Skulptur als solides Objekt im realen Raum versteht, bezieht ihren Ursprung andererseits aus der virtuellen Realität.

Tommy Støckel: "Of a flat nature", 2004. Papier. H: 145 cm.
Die Ausstellung wird gefördert durch:
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„Ist das Leben nicht schön?“ wird gefördert durch:
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